PISA 2025: DPhV fordert Blick auf die Voraussetzungen guter Bildung statt stereotyper Kritik am deutschen Schulsystem und den Lehrkräften / Verband mahnt konsequente vorschulische Sprachförderung und nachhaltige Stärkung der Lehrkräfte
Dienstag, 08. September 2026, 09:52 Uhr
Mit der Veröffentlichung der PISA-2025-Ergebnisse fordert der Deutsche Philologenverband (DPhV): Schluss mit Schuldzuweisungen ans deutsche Schulsystem und seine Lehrkräfte, wie es bei vorangegangenen Interpretationen der PISA-Ergebnisse häufig der Fall war! Der Blick muss endlich auf die Voraussetzungen guter Bildung gerichtet werden, statt vorschnell ein angeblich defizitäres Schulsystem an den Pranger zu stellen. Für den DPhV stehen zwei Hebel im Zentrum, die seit Jahren viel zu wenig politische Priorität erhalten: eine konsequente vorschulische Diagnose und daraus resultierende Sprachförderung von Kindern sowie die nachhaltige Stärkung von Lehrkräften ihrer Arbeitsbedingungen, der Fachlichkeit und der Lehrkräfteaus- und -fortbildung.
Die aktuelle OECD-Ländernotiz für Deutschland zeigt:
Bei den erhobenen Schwerpunktkompetenzen erreichen deutsche Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt 486 Punkte in Naturwissenschaften, 464 in Mathematik und 465 in Lesekompetenz (OECD-Durchschnitt: 482, 463 bzw. 461) im bzw. nahe am OECD-Schnitt, allerdings mit einem in allen drei Bereichen etwas stärkeren Rückgang als im OECD-Durchschnitt (-6/-11/-15 gegenüber -3/-9/-14 Punkten). Die durchschnittlichen deutschen Resultate stehen damit im Kontext einer international, nicht nur in Deutschland rückläufigen Entwicklung. Zugleich zeigt die Ländernotiz eine wachsende Polarisierung: Der Anteil besonders leistungsstarker Schülerinnen und Schüler (Kompetenzstufe 5/6) liegt in Deutschland über dem OECD-Schnitt 9 % vs. 7 % in Naturwissenschaften, 7 % vs. 6 % in Lesekompetenz, 8 % vs. 8 % in Mathematik , während der Anteil unter dem Basiskompetenzniveau (Stufe 2) seit 2015 gestiegen ist: um 17 Prozentpunkte in Mathematik, 15 in Lesekompetenz, 10 in Naturwissenschaften. Zwischen 2022 und 2025 veränderte sich der Abstand zwischen den leistungsstärksten Schülerinnen und Schülern (den 10 % mit den höchsten Punktzahlen) und den leistungsschwächsten (den 10% mit den niedrigsten Punktzahlen) in den drei erfassten Kompetenzen nicht signifikant. Erstmals erhob PISA 2025 mit dem computergestützten Problemlösen" digitale Lernkompetenzen: Deutschland erreicht hier 498 Punkte und liegt knapp im OECD-Durchschnitt (500).
DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing: Die heutigen Ergebnisse waren erwartbar: Deutschland liegt im OECD-Mittelwert, international wie national eine leichte Verschlechterung, kein dramatischer Einbruch, aber auch keine echte Trendwende. Genau das zeigt: Werden die Ursachen nicht systematisch vorschulisch angegangen, wird auch eine nachhaltige Besserung ausbleiben! Bildungsgerechtigkeit und Leistungsorientierung sind keine Gegensätze, sie bedingen einander: Wer mehr Chancengerechtigkeit will, muss dafür sorgen, dass Kinder die deutsche Sprache altersgemäß beherrschen, wenn sie eingeschult werden. Und wer bessere Leistungen will, muss lesestarke Kinder besser fördern und zugleich in gut ausgebildete, fachqualifizierte Lehrkräfte investieren, statt sie immer mehr mit unterrichtsfernen Aufgaben zu belasten oder ihre Ausbildung stetig weiter zu verkürzen."
Besonders aufschlussreich ist der internationale Befund zur Lesekompetenz, laut OECD der Bereich mit dem stärksten Rückgang: Der Anteil flüchtig Lesender" Schülerinnen und Schüler, die Texte hastig überfliegen und dann schnelle, aber falsche Antworten geben hat sich zwischen 2018 und 2025 nahezu verdoppelt. Bemerkenswert ist dabei, dass das sozioökonomisch privilegierteste Viertel der Schülerinnen und Schüler die stärksten Leistungsrückgänge verzeichnete. Gerade jene Kompetenzen, die im KI-Zeitalter am wichtigsten wären Informationen bewerten, Quellenbezüge herstellen, Gelesenes kritisch hinterfragen entwickeln sich besonders zurück. Schwächere Lesekompetenz bedingt laut OECD den Leistungsrückgang in Mathematik und Naturwissenschaften. Der DPhV sieht darin seine langjährige Forderung nach vertiefter Auseinandersetzung mit ausgewählten Bildungsinhalten und vertieftem Lesen bestätigt. Auch die OECD selbst zieht daraus den Schluss, dass zentrale Inhalte gründlich durchdrungen statt oberflächlich abgearbeitet werden sollten und der Unterricht von vermeidbaren digitalen Ablenkungen freizuhalten ist.
Die Ergebnisse unterstreichen aus Sicht des DPhV zugleich die Bedeutung fachlich und pädagogisch qualifizierter Lehrkräfte: Wo Fachlichkeit und das Prinzip der grundständig ausgebildeten Fachlehrkraft geschwächt werden, wirkt sich das unmittelbar auf die erreichten Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler aus. Bundesweit unterrichten in MINT-Fächern immer häufiger Lehrkräfte fachfremd, weil grundständig ausgebildete Lehrkräfte fehlen mit spürbaren Folgen gerade dort, wo vertiefte fachliche Auseinandersetzung den Unterricht prägen sollte. Wie dramatisch die Lage ist, zeigen die PISA-2025-Daten selbst: 52 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland besuchen eine Schule, deren Leitung eine Beeinträchtigung des Unterrichts durch Lehrkräftemangel meldet im OECD-Durchschnitt sind es nur 39 Prozent. Zwar ist der Wert gegenüber 2022 (73 Prozent) gesunken, doch der Rückstand zum OECD-Schnitt bleibt eklatant und lässt sich nur mit gezielter, qualitätsorientierter Personalpolitik schließen.
Statt die Verantwortung wie zuvor häufig an Schulen und Lehrkräfte zu delegieren, fordert der DPhV entschieden:
konsequente vorschulische Sprachdiagnose und daraus resultierende verbindliche vorschulische Förderung, damit Kinder eingeschult werden können, die die deutsche Sprache altersgemäß beherrschen;
Förderung und Stärkung vertieften Lesens und fachlicher Tiefe;
eine Rückbesinnung auf das Fachlehrerprinzip mit fachlich und fachdidaktisch hervorragend ausgebildeten Lehrkräften;
den nachhaltigen, qualitätsorientierten Abbau des Lehrkräftemangels statt Notlösungen über fachfremden Einsatz;
keine weitere Verkürzung des Referendariats, die zu einer massiven Verdichtung von eigenverantwortlichem Unterricht, Hospitations- und Prüfungszeiten und schlussendlich zu Überlastung der Referendare führt und damit das Berufsbild unattraktiver macht;
eine spürbare Entlastung der Lehrkräfte von unterrichtsfernen Aufgaben, eine Senkung des Unterrichtsdeputats;
einen klugen, unterrichtsbezogenen Einsatz von KI für Feedback und Übung sowie
zielführende Investitionen in passende digitale Infrastruktur und Lehrkräfte-Fortbildungen.
Schuldzuweisungen an Lehrkräfte und an das deutsche Schulsystem haben uns bisher keinen einzigen Schritt vorangebracht im Gegenteil, sie verengten den Blick und verhindern echte Verbesserung", stellt Lin-Klitzing klar. Es ist Zeit, den Fokus auf die frühkindliche Sprachförderung, die Ausbildung und Wertschätzung unserer Lehrkräfte und auf eine Politik zu legen, die umfassend konsequent handelt, statt zu verwalten oder gar abzubauen. Die Bildungspolitik hat es in der Hand, die bisherige negative Entwicklung umzukehren. Es gilt nun gemeinsam anzupacken: in den Elternhäusern, in der Frühförderung, in den Schulen, in der Politik. Das gilt auch für die mediale Berichterstattung, die ebenso verantwortungsvoll mit den Ergebnissen umgehen muss wie die Politik kritisch, konstruktiv, nicht stereotyp, mit klarem Kompass für unsere Schülerinnen und Schüler.