aktuelle Meldungen


11 Scheinargumente für eine Verlängerung der Grundschule

04.Juni 2008, 15:54 Uhr
11 Scheinargumente für eine Verlängerung der
Grundschule

Scheinargument 1:

Kein Land verteilt seine Schüler so früh auf unterschiedliche Schularten wie
Deutschland und Österreich.
Dies ist nicht richtig! In vielen anderen Ländern wird ebenfalls früh differenziert gefördert. In
einer Reihe von Ländern gibt es überdies elitäre und kostspielige private Kindergärten und
Privatschulen. Hier müssen die Eltern schon viel früher und zwar bereits vor oder bei der
Einschulung über die spätere Schullaufbahn ihrer Kinder entscheiden. Die „Selektion“ findet
dort bereits bei Fünf- und Sechsjährigen und zwar nach dem Geldbeutel statt.

Scheinargument 2:

Der frühe Übertritt führt zu einem gewaltigen Druck auf die Kinder.
Diese Behauptung ist empirisch widerlegt! Eine Studie der Universität Dortmund aus dem
Jahre 2007 hat nachgewiesen, dass sich weit über 80 Prozent der Grundschüler in der 4.
Klasse auf den Übertritt freuen und diese Vorfreude sowie die erhöhte Lernmotivation auch
nach dem Übertritt sowohl bei Gymnasiasten als auch - sogar verstärkt - bei Hauptschülern
anhalten.

Scheinargument 3:

Mit 10 Jahren sind die Begabungen noch nicht erkennbar ausgeprägt.
Dies ist falsch! Gerade die moderne Gehirnforschung kommt zu ganz anderen Ergebnissen.
Sowohl frühere Untersuchungen von Prof. Klaus Heller (LMU München) als auch aktuelle
Studien der Harvard-Universität (USA) weisen eindeutig nach, dass bei der überwiegenden
Mehrzahl der Kinder im Alter von 10 Jahren die Begabungsstruktur klar erkennbar ist.
Zudem gibt es für das Lernen bestimmte Zeitfenster, die nur eine gewisse
Entwicklungsspanne lang offen sind und genutzt werden können. Dies gilt besonders für das
Erlernen von Sprachen. Eine Verschiebung des Übertrittszeitpunkts in die Pubertät verstärkt
die Prognoseunsicherheit nachweislich sogar.
Arbeiten von Prof. Roeder und anderen haben zudem ergeben, dass eine Orientierungsstufe
oder eine verlängerte Grundschule die leistungsstärkeren Schüler benachteiligen. Viele
Kinder, die nach der 4. Klasse eine Gymnasialeignung hatten, verloren diese nach dem
„längeren gemeinsamen Lernen“ wieder.

Scheinargument 4:

Der Übertritt nach der 4. Klasse entscheidet endgültig über die Lebenschancen und ist
später nicht mehr korrigierbar.
Das ist völlig falsch! Auch Kinder, die nicht auf das Gymnasium übertreten, haben während
ihrer späteren Schullaufbahn noch zahlreiche Chancen und schulische Anschlüsse, um
höhere Qualifikationen zu erwerben. Dies gilt insbesondere für die nicht allzu große Gruppe
der Spätentwickler. Immerhin 40 Prozent aller Studenten sind nicht über das Gymnasium an
die Hochschulen gekommen.

Scheinargument 5:

Heterogene Lerngruppen erzielen bessere Leistungen als homogene.
Es gibt keine einzige internationale oder nationale Untersuchung, die dies bestätigen würde.
Im Gegenteil: Viele Untersuchungen zeigen, dass in heterogenen Lerngruppen besonders
leistungsstarke Schüler benachteiligt werden. Die Behauptung, in leistungsgemischten
Klassen würden leistungsschwächere Schüler von leistungsstärkeren motiviert und gefördert,
ist empirisch nicht belegt. So zeigt die ELEMENT-Studie von Prof. Lehmann, dass in Berlin
an den Gymnasien in den Klassenstufen 5 und 6 die leistungsstärkeren Schülerinnen und
Schüler erheblich effizienter und besser gefördert werden als an der sechsjährigen
Grundschule.

Scheinargument 6:

Die Mehrzahl der Übertrittsempfehlungen ist falsch!
Das ist Unsinn! Die überwiegend große Mehrzahl der Übertrittsgutachten ist zutreffend.
Langzeituntersuchungen haben ergeben, dass die Übertrittsgutachten der Grundschulen
eine sehr hohe Prognosesicherheit aufweisen. Kinder, die entgegen der ausdrücklichen
Grundschulempfehlung von ihren Eltern auf Gymnasien geschickt werden, wechseln zu
einem großen Prozentsatz später zu anderen Schularten.

Scheinargument 7:

Die zu frühe Aufteilung verstärkt die Bildungsungerechtigkeit und die soziale Ungleichheit.
Dafür gibt es keinen Beleg! Schule bildet die bestehende Gesellschaftsstruktur lediglich ab.
Sie kann nur in begrenztem Maße gegensteuern. Insbesondere die systematische
Frühförderung und Ganztagsangebote können Kindern ohne ausreichende elterliche
Unterstützung bessere Chancen bieten. Prof. Helmut Fend hat in der LifE-Studie von 2007
nachgewiesen, dass Arbeiterkinder über das gegliederte Schulwesen sogar größere
Chancen auf einen erfolgreichen Hochschulabschluss haben als über Gesamtschulen.

Scheinargument 8:

Schulen und Lehrer dürfen nicht dazu missbraucht werden, über Lebenschancen
von Kindern zu entscheiden.
Wer Schulen das Recht abspricht, unterschiedliche Abschlüsse und Berechtigungen zu
vergeben, bestreitet nicht nur eine Kernaufgabe von Schule, er entwertet auch schulische
Leistungen, indem er diesen die Anerkennung verweigert und überlässt die „Selektion“
anderen Institutionen bzw. einem anonymen Marktmechanismus.

Scheinargument 9:

Der frühe Übertritt benachteiligt insbesondere Migrantenkinder und Jugendliche
aus bildungsfernen Schichten.
Die schwierigen Startbedingungen von Migrantenkindern können, und da sind sich alle
Forscher einig, in erster Linie nur durch eine intensive vorschulische Sprachförderung
ausgeglichen werden.

Scheinargument 10:

Eine Verlängerung der Grundschule ist kindgerecht und ermöglicht es, Noten
möglichst lange von den Schülern fernzuhalten!
Eine Ausdehnung der Grundschulzeit hat keinerlei positive Effekte auf Leistungsbereitschaft
und Leistungsfähigkeit, wie die ELEMENT-Studie von Prof. Lehmann 2008
ergeben hat. Übrigens sind die meisten Grundschüler selbst dafür, eine Leistungsrückmeldung
über Noten zu erhalten. Auch Schweden hat auf seinen Absturz bei
Pisa 2006 reagiert: Die Vergabe von Noten soll dort in Zukunft wieder mehrere
Jahre vorgezogen werden.

Scheinargument 11:

Die Grundschule leistet die erfolgreichere Arbeit. Deutsche Grundschüler haben bei der
internationalen IGLU-Studie besser abgeschnitten als die 15jährigen bei PISA!
Diese Behauptung ist unhaltbar! Die erreichten Punktzahlen bei beiden Testverfahren richten
sich nach völlig unterschiedlichen Kriterien und Skalen und sind nicht vergleichbar. Zudem
unterscheidet sich der Kreis der Teilnehmerländer erheblich.
Die deutschen Schüler haben sich bei Pisa 2006 im getesteten Schwerpunktbereich in das
beste Viertel vorgearbeitet. (rgk)